Anton-Herrmann-Straße 47

 

 

Mit Ausnahme von Kirche und Talsperre ist wohl kein Einsiedler Bauwerk so häufig auf alten Fotografien und Postkarten wiederzufinden wie das Restaurant “Waldesrauschen”.
Es war das seinerzeit bekannteste, gehobenste und somit auch teuerste Restaurant in Einsiedel.

Nebenstehend finden wir nun ein ganz frühes Motiv, sozusagen aus den ersten Tagen. Die Karte lief postalisch am 28. September 1908, also wenige Tage nach der offiziellen Eröffnung.

Aber sehen wir uns die Vorgeschichte dieses Etablissements etwas detaillierter an:
Das “Ausflugs- und Gesellschaftshaus Waldesrauschen” wurde im Jahre 1908 erbaut. Initiator dafür war der Einsiedler “Verein zu Hebung des Fremdenverkehrs” und hier speziell dessen Vorsitzender, der Strumpffabrikant Richard Nitzsche. Nitzsche gelang es, weitere Einsiedler Unternehmer für das Vorhaben zu gewinnen. Otto Schwarz (Gärtner), Anton Herrmann (Bauunternehmer), Bernhard Golz (Trichinenbeschauer), Guido Riedel (Fabrik patentierter Neuheiten) und der Einsiedler Gemeindevorstand Hugo Max Seidel gründeten am 14. November 1907 die „Gesellschaft zur Erbauung eines Ausflugsrestaurants“ und wurden zeitgleich deren Aufsichtsratsmitglieder. Der Kostenvoranschlag wies Baukosten in Höhe von 71.000 Mark aus. Man gab Anteilscheine in Höhe von 200 Mark aus, welche Einnahmen in Höhe von 21.500 Mark generierten. Hierzu muss bemerkt werden, dass 200 Mark im Jahre 1908 eine große Menge Geld waren, ein mittlerer Beamter im Königreich Sachsen verdient keine 1.000 Mark im Jahr.
Der Grundsteinlegung am Mittwoch, den 6. Mai 1908, waren schwierige Verhandlungen mit diversen Behörden vorausgegangen, es war also keineswegs anders als heute.
Den Zuschlag zur Errichtung des Gebäues erhielt der seinerzeit bedeutendste Einsiedler Baubetrieb, die Firma Magnus Maximilian Seifert. Fast unglaublich, gelang es doch dieser, das Gebäude innerhalb weniger Monate zu errichten. Die Eröffnungsfeierlichkeiten fanden zur Kirmes 1908 statt. Wenn wir nun davon ausgehen, dass damals wie heute am dritten September-Wochenende in Einsiedel Kirmes gefeiert wurde, war das wahrscheinlich am Samstag, dem 19. September 1908. Reichlich vier Monate Bauzeit – unglaublich! Mit ähnlich hoher Geschwindigkeit wurden dann auf dem (auch heute noch) 22.000 m² großen Grundstück die Außenanlagen fertig gestellt, alle dem Zweck des Fremdenverkehrs unterworfen.
Ein Kleintennisfeld, ein Fußballplatz, ein Park und ein Spielplatz für Kinder sorgten dafür, dass man die im Gasthaus reichlich zu sich genommenen Kalorien wenigstens moralisch wieder los wurde. Eine besondere Attraktion war die (Winter-)Rodelbahn.

Ergänzender Artikel: Anton-Herrmann-Straße Die Winterrodelbahn

Im Nachhinein lässt sich sagen, dass die anvisierten Zielgruppen, vor allem Tages- und Wochenendausflügler aus Chemnitz sowie Vereine die Angebote und Veranstaltungen (Tanz, Tagungen, Vereinsfeiern usw.) sehr gut annahmen.
Wenn auch nicht ausschließlich, so wurde doch in hohem Maße vor allen die etwas besser betuchte Gesellschaft (...und nicht nur die Chemnitzer) angesprochen.
(Kerndaten dieses Artikels: Ingobert Rost - Vielen Dank!)

 

 

Zum Zwecke des Fremdenverkehr gab es natürlich ständig allerhand Reklame, speziell Ansichtskarten wurden in einer ungeahnten Anzahl aufgelegt.

Nebenstehend nun eine kleine Galerie mit wechselnden Bildern (8 sec.), insgesamt 15 Motive.

 

Eine Luftbildaufnahme wohl Anfang der 1930er Jahre.
Recht gut lassen sich hier die Größe des Gebäudes wie auch des gesamten Areals abschätzen.
(Foto: Jürgen Fritzsche)

Bis der letzte Eigentümer –die Familie Hermann Zopf- das Grundstück 1925 übernahm, waren einige Besitzerwechsel vorausgegangen.
Ein Heinrich Max Träuptmann wurde der erste Pächter. Die Eigentümergesellschaft verkaufte 1913 das „Waldesrauschen“ an eine Familie Flechsig, diese dann 1920 an einen Kaufmann Dietz. Während der Inflationsjahre wechselte das Haus 1923 erneut den Besitzer, ein Leo Liegler hatte es für 4.800 US-Dollar erstanden, da zu diesen Zeitpunkt mit der deutschen Währung Mark infolge der seinerzeitigen Hyperinflation auch nichts mehr zu bezahlen war.
(Der Wechselkurs betrug im November 1923 für
einen US-Dollar 4,2 Billionen Mark.)

Links eine Werbeanzeige aus dem Jahre 1924.
(Anzeige: Ekkehard Mühlmann)

Für die feinere Gesellschaft, die mit dem Automobil anreiste, gab es schattige Parkplätze vor allem hinter dem Gebäude und selbstredend einen Parkwächter im Livree.

Eine weitere Reklameanzeige, diese fanden wir im Adressbuch 1926/27.

Réunion bedeutet in diesen alten Anzeigen übrigens “Gesellschaftstanz”, der Begriff (damals meist französisch ausgesprochen) ist heute veraltet.
(Anzeige: Ullrich Krauß)

Die große Freitreppe war die direkte Verbindung zwischen den Veranden und dem hier oben rechts im Jahre 1931 beworbenen “herrlich gelegenen, zug- und staubfreien Garten”.
(Foto: Thomas Schwebe, Werbeanzeige Klaus Gagstädter)

Wenn wir nun den Blick einmal vom oberen Treppenabsatz schweifen lassen, haben wir einen schönen Anblick vor allem vom mittleren Ortsteil.
Auf dem Foto oben links sehen wir eine Ausflugsgesellschaft zu Pfingsten 1929. Die Lithographie daneben lief postalisch am 4. August 1928.

Links auf dem Foto in ungefähr der gleiche Ausblick am 20. August 2004, freilich ohne Freitreppe...

ahs47 Verandablick 1

Eine festlich angerichtete Tafel im Gesellschaftssaal, so gesehen im Juli 1934.
Die Tischdekoration stammte von der Einsiedler Gärtnerei Schwarz.
(Foto: Elke Haubold)

Postkarte oben: wohl auch Mitte der 1930er Jahre, die Bildunterschrift ist selbsterklärend...

ahs47 Werb Juli 1937 gag 1

Battista MarchettoDie Annonce links ist vom 6. Juli 1937 aus der
"Chemnitzer Tageszeitung - Blatt der Schaffenden aller Stände.
Amtliche Zeitung der NSDAP."

Hermann Zopf hat sich das Arrangement mit Battista Marchetto wohl einige Reichsmark kosten lassen...

(Annonce: Klaus Gagstädter)

Links eine Karte mit Zweifach-Ansicht, 1942 lief diese postalisch als Feldpost.

Der zweite Weltkrieg brachte eine Änderung für das alltägliche Geschäft, wie es über 30 Jahre lang bestanden hatte.
Der Gaststättenbetrieb kam zum Erliegen und im Waldesrauschen wurde das „Umsiedlerlager Nr. 62“ etabliert, um für die Volksdeutschen aus den eroberten Gebieten im Osten eine erste Auffangstation zu bilden, so dass sie später ganz regulär untergebracht werden konnten.
Derartige Aktionen wurden propagandiert unter dem Slogan: „Heim ins Reich“. Das Reich kam auch für die Kosten von Unterbringung und Verpflegung der Volksdeutschen auf, solange diese im Waldesrauschen untergebracht waren.

Hintergrundwissen Volksdeutsche:
Als Volksdeutsche bezeichnet man jene deutschen Volksgruppen, die bis 1937 außerhalb des Deutsches Reiches, Österreichs, des Großherzogtums Luxemburg, der Schweizerischen Eidgenossenschaft oder des Fürstentums Liechtenstein lebten. Weiterhin zählten dazu die deutschsprachigen Minderheiten, die nach dem 1. Weltkrieg Bürger eines fremden Staates wurden (Deutsche in Westpreußen, Lothringen, Elsass, Südtirol, Eupen-Malmedy...). Der Löwenanteil der Volksdeutschen aber lebte in den Weiten der Sowjetunion, die so genannten Russlanddeutschen. Sie stammten von einstigen deutschen Auswanderern ab und hatten über Jahrhunderte in ihren Siedlungsgebieten ihre deutsche Identität bewahrt.
Heute sind diese Siedlungsgebiete (fast) Geschichte:
Zum einen wegen der oben beschriebenen Einbürgerungswelle „Heim ins Reich“ (in den Jahren 1940 bis 41 waren das etwa 910.000 Volksdeutsche), zum anderen brachte die Vertreibung der Deutschen nach dem Krieg viele in das heutige Bundesgebiet und nach Österreich.
Die wenigen in ihrer Geburtsregion verbliebenen Volksdeutschen fühlen sich bis heute der Deutschen Kulturnation angehörig.
Volksdeutsche sind nicht zu verwechseln mit den Auslandsdeutschen. Auslandsdeutsche sind jene Deutschen, die zwar ständig im Ausland ihren Wohnsitz gewählt haben, die aber - im Gegensatz zu den Deutschstämmigen - die deutsche Staatsangehörigkeit besitzen.

 

Die Bombenangriffe vom Februar und März 1945 hat das „Waldesrauschen“ teilbeschadet überstanden. Die flächenmäßig größte Zerstörung erfuhr der Gesellschaftssaal, er wurde aber innerhalb eines Jahres fast völlig wieder instand gesetzt.
Oben links das Gebäude mit den Kriegsschäden. Rechts der Saal in besseren Zeiten, also lange vor Kriegsbeginn.
(Foto: Ingobert Rost, Lithografie: Ulrich Piqué)

In November 1946 brannte das weit über Einsiedel hinaus bekannte Ausflugslokal schließlich komplett ab. Fehlende Hydranten in Brandnähe nahmen der Feuerwehr jedwede Möglichkeit zur Brandbekämpfung.
Gerüchte, es habe sich um Brandstiftung gehandelt, halten sich hartnäckig, sind aber nicht erwiesen...
(Fotos: Ingobert Rost)

“Privatweg nach Waldesrauschen” lesen wir auf dem Schild.
Eine Diaaufnahme aus den 1950er Jahren. Die Ruine des Gebäudes ist noch deutlich zu sehen.
(Foto: Willi Fiebig)

Zum Zeitpunkt der linken Aufnahme in den 1960er Jahren sind auch diese Ruinenreste abgetragen, einige Fragmente am Boden lassen aber noch den ehemaligen Standort erahnen (ganz rechter Bildrand).
(Foto: Hans Morgenstern)

Die nachfolgenden Bilder stammen sämtlich vom 20. August 2004 und zeigen uns den ehemaligen Standort.

 

Viel Wildwuchs und Unterholz finden wir am 20. August 2004 an jener Stelle vor, wo einst das Waldesrauschen seine Gäste empfing.

Der unwissende Besucher wird hier wohl nicht den ehemaligen Standort dieses einstmals so berühmten Gebäudes erahnen.
Oben links aus südlicher, daneben aus nördlicher Richtung finden wir hinter den Leitpfosten das Dickicht, in das es einzudringen gilt, will man noch die letzten verbliebenen Spuren finden (Foto links).

Recht gut erkennen wir eine terrassen- bzw. plateauartige Aufschüttung des Bodens und “In Reihe” gepflanzte Bäume.
Es ist allerdings anzunehmen, dass die Fichten erst nach dem Abtragen der Ruinen gepflanzt wurden.

Auch einen Schacht mit Abwasserrohr finden wir direkt am ehemaligen Standort.

21. November 2012.

Schemenhaft erkennen wir im Hintergrund die weiße Fassade der Waldklause, die weiter oben am Hang steht und als Nachfolger des Waldesrauschen angesehen werden kann.

Doch auch ein Gartenheim “Waldesrauschen” gibt es in Einsiedel, es liegt nur wenige 100 Meter durch die Gartenanlagen hindurch hangabwärts.

Ergänzende Artikel:
Anton-Herrmann-Straße 46 Waldklause Einsiedel
Schrebergartenweg 1 Gartenheim Waldesrauschen

 

 

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Nachbrenner:

Unter dem 29. September 2012 fand in der Kleingartensparte Waldesrauschen nahe des Gartenheims Waldesrauschen das Etablissement Waldesrauschen seine Auferstehung - als Modell.

 

Wir sehen rechts den Schöpfer dieses in 15-monatiger, filigraner Arbeit errichteten Modells, Wolfgang Hilbert. Er hielt vor der Veröffentlichung seines Meisterwerkes eine kurze Ansprache, indem er einige Kerndaten über sein “kleines” Waldesrauschen nannte und vielen anderen dankte, die in Form von Daten und alten (zweidimensionalen) Bildern und Postkarten dazu beitrugen, dass er dieses eindrucksvolle, dreidimensionale Modell im Maßstab 1:35 schaffen konnte.

 

 

Hier nun der Moment, wo einige Mitglieder der Einsiedler Geschichtsgruppe das Tuch zurückschlagen.

 

 

Links: Wolfgang Hilbert und “Das neue Waldesrauschen”.

 

Unten links erklärt er den interessierten Besuchern eine Vielzahl von Details zu seiner umfangreichen Arbeit vom Juni 2011 bis September 2012 (ca. 1.500 Arbeitsstunden).
Hier sei angemerkt, dass das Foto nur einen kleinen Teil der Gäste wiedergibt, die hier dokumentierte Erstpräsentation fand vor ca. 70 Einsiedlern statt (am 29. und 30. September 2012).
Unten rechts schlagen wir noch einmal eine Brücke in die Vergangenheit; zwei Original-Teller aus dem ehemaligen Restaurant mit sorgfältig eingebrannten Schriftzug.
(Das Essen am Buffet anlässlich dieser Weiheveranstaltung gab's dann später freilich von “normalem” Geschirr...)

Die Wechselbilder links zeigen uns das Modell noch einmal von allen vier Seiten.

 

 

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